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Waldtheater Heldendank

Zur Erinnerung an das 1918 eröffnete Reußische Waldtheater „Heldendank“

(Bernd Rotter, Gera-Untermhaus)
 
 
 
Das Waldtheater „Heldendank“ befand sich hinter dem Untermhäuser Friedhof, wo sich der enge Taleinschnitt zwischen Weinberg und Märzenberg erweitert und als Rothens-Gußgraben bezeichnet wird. Dieser Grund, im Volksmund auch als „Mißlitzens Wiese“ benannt, besaß die besten Voraussetzungen für eine Freilichtveranstaltung, was Bühne, Akustik, Ruhe ,Natur und die Nähe zur Stadt Gera betraf.
Das Freilichttheater wurde für ca.1500 Zuschauer eingerichtet. Auf halber Höhe des Hanges, hinter der Bühne, von den Zuschauern nicht einsehbar, war eine Baracke errichtet, in der sich Umkleideräume befanden und Kulissen und Material aufbewahrt wurde. Links der Bühne stand die Fürstenloge, ein mit Überdachung versehener offener Bau, der den Mitgliedern des Hauses Reuß vorbehalten war.
Später wurde noch ein Holzbau, der als Kassen- und Eingangsgebäude genutzt wurde, dazu erstellt.
Unter dem Namen Reußisches Waldtheater „Heldendank“ wurde im Jahre 1917 ein Unternehmen ins Leben gerufen, in dem sich kunstverständige und kunstbegeisterte Personen unserer Heimatstadt Gera die edle Aufgabe gestellt hatten, zur Fürsorge, der im ersten Weltkrieg im „Dienste des Vaterlandes“ Verwundeten und deren Angehörigen beizutragen.
Durch Aufführungen von Heimatspielen, Märchenstücken und vom Geiste der Vaterlandsliebe getragenen Werken sollten Mittel aufgebracht werden, deren Erträge den Kriegsblinden Ostthüringens, sowie den Kriegshinterbliebenen und Kriegswaisen zugedacht waren.
Das Reußische Waldtheater, aus freiwilligen Spenden finanziert, war ein reines Wohlfahrtsunternehmen und wurde von einem Ausschuss unter der Leitung von Postassistent a.D. Karl Weise verwaltet.
Vorstellungen, die überwiegend von Laiendarstellern unserer Stadt und jungen Schauspielern gegeben wurden, standen unter professioneller Anleitung bekannter Schauspieler und Regisseure des damaligen Reußischen Theaters.
Der künstlerische Leiter des Reuß. Waldtheaters war der Hofschauspieler Max Thomas. Sein Amt als künstlerischer Leiter legte er 1924 nieder, als er zum Verwaltungsdirektor des Reuß. Theaters ernannt wurde, blieb aber weiterhin im geschäftsführenden Ausschuss, als künstlerischer Beirat tätig.
Die Eröffnung des Reuß. Waldtheaters am 25. August 1918 mit „Der Bruderkrieg“ fand unter großer Anteilnahme der Geraer Bevölkerung statt. Dazu verfasste der Geraer und Vorsitzende des Waldtheaters Karl Weise dieses Geschichtsspiel, welches dazu beitragen sollte, in heimatlicher „Laienkunst“ einen Ausschnitt der Heimatgeschichte den Zeitgenossen näher zu bringen. Ein Präludium „Kunst und Natur“, verfasste Hofschauspieler M.Thomas, welches zur Versöhnung der Waldgeister mit den Menschenansammlungen im Wald gedacht war, wurde dem Stück vorangesetzt. Die erste Spielzeit stand unter der Schirmherrschaft des Fürsten Heinrich XXVII, Reuß j. Linie.
 
   
In den folgenden Jahren wurden weitere Bühnenaufführungen und Veranstaltungen im Waldtheater durchgeführt. Zur Aufführung gelangten:
„Der Pfarrer von Kirchfeld“ von Anzengruber, „Preciosa“ von P.A.Wolf, „Der Kuckuck“ von F.Dietrich, ein Märchen „Hänsel und Gretel“, „Sommernachtstraum“ und „Was ihr wollt“ von Shakespeare, „Die Laune des Verliebten“ von Goethe, „Amphitryon“ von H.Kleist, „Der keuche Lebemann“ von Arnold/Bach, „Das goldene Lachen“ von H.Marcel und verschiedene andere.

Vereine und Gesellschaften veranstalteten im Waldtheater ihre Feiern und Treffen, Sängerschaften ließen auf der Bühne ihre Lieder erklingen, Musik- und Tanzgruppen unterhielten ihre Zuhörer, selbst eine Rudolf-von-Laban-Tanzgruppe, die für die damalige Zeit eine neue Tanzform verkörperte, erkor sich den Bühnenraum für ihre Aufführungen.

 
  
Der Fotograf Reichel fotografierte damals sämtliche Aufführungen und zeigte die Bilder in einem in der früheren Bahnhofstraße ausgehängten Schaukasten. Leider wurde im letzten Weltkrieg sein Atelier durch Bomben zerstört, so dass keine Reproduktionen mehr hergestellt werden konnten und viele Erinnerungen dadurch verloren gingen.

Nach neun Jahren Spieldauer mussten Bänke und anderes Inventar infolge von Witterungseinflüssen grundlegend erneuert werden. Nach Angaben des Architekten Dipl.-Ing. Gerhard Jahn wurde Zimmermeister Willi Lange beauftragt, für ca. 800 Personen neue Sitzgelegenheiten zu schaffen und ein repräsentatives Eingangsgebäude, zur Landschaft passend, zu errichten, welches 1925 aufgestellt wurde.

 
  
Bei Veranstaltungen des Waldtheaters, die vorwiegend an Sonntagen und in den Sommermonaten stattfanden, strömten die Zuschauer von allen Seiten herbei. Sie kamen alle zu Fuß und füllten Bänke und Bergeshang, sie suchten Entspannung, Freude und Erholung und fanden sie. Nicht unerwähnt sollen viele Berichte bleiben, die über „verregnete Sommer, ungünstiges Wetter und kalte Tage“ berichteten, die den Spielbetrieb des Theaters sehr ungünstig beeinflusst haben sollen. Nicht umsonst hieß dieser Bergeinschnitt im Volksmund auch „das kalte Loch“.
Finanzielle Schwierigkeiten in vielen Bereichen gab es auch zur damaligen Zeit, so musste das Theater Anfang der dreißiger Jahre schließen und wurde 1934 abgebaut.
Auch den Gedanken an den Geist der verlorenen Kriege und die Fürsorge der Kriegsopfer verdrängte damals der neu aufstrebende Staat mit seinen politischen Zielen. „Heldendank“ war dem Verfall preisgegeben.
Seit dieser Zeit wurde dieser Waldkessel gern als Abenteuerspielplatz der Untermhäuser Kinder oder als Ausflugsziel Geraer Spaziergänger angenommen, was sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreut.
Nach dem 2.Weltkrieg wurde der Taleinschnitt mit zum Sperrgebiet der sowjetischen Armee erklärt. Der Wald wurde in dieser Zeit zur Militärausbildung des Wachpersonals und der Kraftfahrer des nahen sowjetischen Militärkrankenhauses (ehemals Milbitzer Heilanstalten) mit einbezogen. Mitte der achtziger Jahre wurde ein Teil des Gebietes eingezäunt und als Schießplatz der Geraer Volkspolizei in Besitz genommen.
Bei einer 1987 durchgeführten Exkursion der Fachgruppe Heimatgeschichte unter Führung des einst aktiven Mitgliedes des Waldtheaterensembles, Wilhelm Voigt (Darsteller, Regisseur und Bühnenbildner), waren immerhin noch Reste der ursprünglichen Bebauung des „Waldtheater“ zu sehen.
 
  
Es gab immer wieder Versuche dieses noch gut bei älteren Gerschen Einwohnern in Erinnerung gebliebene Waldtheater wieder zu beleben. In den sechziger Jahren scheiterte dieser Gedanke wohl an der Rücksichtnahme auf das nahe sowjetische Militärkrankenhaus und dessen militärischer Übungsplätze.
Als nach Auflösung und Abzug der sowjetischen Armee aus Deutschland diese ehemalige „Fürstliche Waldung“, wie sie früher benannt wurde, frei von Besitzansprüchen dieser Art war, hatte die Leitung des Geraer Theaters bei der Suche neuer Spielstätten für ihre Aufführungen wiederholt den Gedanken, das Waldtheater neu zu beleben. Es blieb aber leider nur bei diesem Wunsch.
Für ein modernes Naturtheater mit Bühne und Zuschauerplätzen, Zufahrtsstraßen, Parkplätzen, Wirtschaftsgebäuden, Versorgungsleitungen, müssten mehrere Millionen Euro investiert werden, um einen den heutigen Ansprüchen genügenden Spielbetrieb zu bekommen.
In Anbetracht unser jetzigen Situation, in der Zeit der „kulturellen Säuberung“ wegen Geldmangels und Konjunkturschwäche, des Abbaues kultureller Arbeitsplätze und der Vernichtung über Jahrhunderte gewachsener historischer, kultureller Einrichtungen -Theater, Museen und Denkmale- ist dieses Vorhaben in weite Ferne gerückt.

Den Geraern mit ihrem Untermhäuser Stadtteil bleibt nur noch bei ihren Spaziergängen und Wanderungen durch diesen Wald die Erinnerung an den Platz, wo vor fünfundachtzig Jahren Menschen zusammengekommen waren, die aus Freude an „Kunst und Natur“ ihren Mitmenschen Unterhaltung boten und den Betroffenen ein wenig Unterstützung und Linderung ihrer schweren Schicksale verschafften.

 
   
Ich bedanke mich hiermit bei allen Zeitzeugen, die mir durch persönliche Gespräche ihre Erinnerungen und Erlebnisse an das Waldtheater nahe gebracht haben, W.Voigt mit seinen Aufzeichnungen und den Mitgliedern des Heimatvereins, dem Stadtarchiv und dem Theaterarchiv, welche mir einiges Bildmaterial zur Verfügung gestellt haben.

Für Hinweise, Ergänzungen und Korrekturen per E-Mail an brotter@t-online.de oder an diese Adresse bin ich jederzeit dankbar!


Vielen Dank für diesen tollen Beitrag, Bernd... (18.01.2003)


























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